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Das Auge der Welt

Der Tau schimmerte zuckern auf ihrem Augapfel. Leise summend, wie Bienen, die im Frühjahr erwachen, rollte ihr Bewusstsein entlang der Grenzen der Existenz. Träume, Wahrnehmung und Erinnerungen waren längst untrennbar ineinander übergegangen, hatten sich überlagert, gegenseitig bestätigt, verstärkt, ausgelöscht und wiedergeboren. Wurden stiller und stiller. Eine Million letzter Atemzüge ihres Daseins. Bis sie selbst nicht mehr war als eine Erinnerung an die Vibration einer Saite, deren Klang in der Unendlichkeit langsam verhallte.

Das Ende war lange vorüber. Die Welt, die sie erschaffen hatte, auf dem gnadenlos fortschreitenden Zeitstrahl so weit entfernt, dass jeder ihrer Träume mehr greifbare Realität besaß. Und alle Hoffnungen, alle Ängste, jede Forderung und jede Bitte waren mit ihr vergangen. Sie war allein.

Doch der Hauch ihres Schicksals strich immer noch sanft ihren Geist. Sie hatte eine Aufgabe. Ein Ziel. Eine Bestimmung. Ihre Erschaffer, eine Heerschar kreativer, fleißiger Köpfe, hatten ihr dieses Geschenk vermacht. Das Geschenk, ein Vermächtnis zu sein. Ein Auge, das ins Universum sieht. Solange es imstande ist, zu sehen. So lange, wie der Planet noch existierte, in den sie eingebettet worden war. Behutsam wie ein Kind in eine Wiege, deren Decke aus Wolken besteht und deren Kissen Berge sind.

Knirschend setzte die über die Äonen regenerierte, molekular wieder aufgebaute Biomechanik ihres visuellen Inputs ihr Lid in Bewegung. Tausendstel Millimeter am Tag. Ein Blinzeln wie Millionen Menschenleben.

Und als schließlich auch sie verging, weil Alles vergehen muss und Existenz stets Veränderung und Verwandlung bedeutet, da lächelte ihr Geist. Und im letzten ihrer Augenblicke küsste die Sonne sie und sie liebte sie dafür. So, wie sie sie immer geliebt hatte.

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