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Tropfen

Tropfen über Tropfen, die sich zu einem Strom vereinen. Einem Strom der Energie, der Hoffnung, der Zukunft, der sich mäandernd über Asphalt schlängelt, um schließlich im Erdreich zu versickern. Und gleichsam in die Vergessenheit einer Welt, in der diese Zukunft nie sein sollte.

Vorfreude

Sie erwachte. Traumverschlafen blinzelte sie der Morgensonne entgegen, die ihre Nase durch die Windschutzscheibe ihres alten Opels kitzelte. Heute war es soweit. All die heimliche Zeit der stillen Vorbereitung. Gesendete und sofort wieder gelöschte Handynachrichten. Schnelle, unbeobachtete Telefonate. Lügen. Trugbilder. Und im Herzen ein Traum von gemeinsamer Liebe. Endlos wie die Himmel und unschuldig wie eine neue Schachtel Zigaretten. Sie konnte es kaum erwarten, ihn endlich wieder zu sehen.

Vorbereitung

Die paar hundert Euro, die ihren ganzen finanziellen Reichtum dieser Welt darstellten, in der Hosentasche ihrer zerfransten Jeans betraten sie und ihr klopfendes Herz das Geschäft. So fernab ihrer Heimat fühlte sie sich immer unsicher. Selbst, wenn es nur darum ging, ein paar Brötchen zu kaufen. Andere Städte, andere Menschen, andere Augen, andere Leben. Als Kind glaubte sie lange Zeit, dass die Welt nicht viel größer war, als das Dorf, in dem sie lebte. Der Wald, in dem sie spielte. Und die Stadt hinter dem Horizont, aus der die Erwachsenen manchmal mit Geschenken, neuen Dingen und kleinen Wundern zurück kamen. Doch nun war sie allein – in einer Welt, die so viel größer war, als ihre Vorstellung es ihr anschaulich darzustellen vermochte. Allein. Noch. Denn bald war es soweit. Und dann wäre die Einsamkeit für immer vorbei.Ihr kleines Herz und sie sammelten allen Mut, derer sie habhaft werden konnten und trafen ihre Wahl. Ein Traum in weiß. So schön, dass Engel neidisch werden.

Zusammentreffen

Nur noch eine Stunde. Sie hatte länger gebraucht, sich zu entscheiden, als ihr bewusst war, als ihr lieb war. Verdammt. Jetzt aber schnell. Sie mochte ihn um nichts auf der Welt warten lassen. Zu lange schon wartete ihr Gefühl darauf, sich in die Welt hinaus zu schreien. Jetzt wollte sie es schreien lassen. Ungezügelt. Neugeboren in eine Welt der Widersprüche. Ihrem Vater zum Trotz. Seiner wohlhabenden Verwandtschaft zum Trotz. Ihren eigenen Ängsten zum Trotz.Hastig zahlte sie. Bedankte sich. Eilte durch die Tür. „Ich komme.“, dachte sie. Immer und immer wieder.Glückselig lächelnd, inmitten eines anmutigen Sprungs in die Hoffnung, zerbarst ihr Porzellangesicht am Kühlergrill des polnischen LKWs. Und die schreckgeweiteten Augen der Kinder auf der anderen Straßenseite konnten den Blick nicht abwenden von ihren schimmernden, durch die Luft tänzelnden Tropfen.Tropfen über Tropfen, die sich zu einem Strom vereinen. Wie seine Tränen.

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